
Foto: Tina Stratmann
„ Fremd bin ich eingezogen, Fremd zieh' ich wieder aus. [...] Nun ist die Welt so trübe, Der Weg gehüllt in Schnee. Ich kann zu meiner Reisen Nicht wählen mit der Zeit, Muß selbst den Weg mir weisen In dieser Dunkelheit."
"WINTERREISE" Ausstellung 16. Januar 2011 - 27. Februar 2011 Schwarzbach-Galerie Wuppertal
Einführung zur Ausstellung
Winterreise
von Teresa Wojciechowska in der Schwarzbachgalerie Wuppertal vom 16. Januar bis 27. Februar 2011 von Dr. Jutta Höfel
Unsere Reise entlang der Arbeiten von Teresa Wojciechowska, die uns durch helle und dunkle Weiten und Tiefen führt, beginnt bedächtigen Schritts und mit leichtem Erstaunen über die Perspektive, in die unsere Augen zunächst gelenkt werden, nämlich auf ungewöhnlich niedrig hängende Exponate - und doch ist es unsere seit vielen Wochen eingeübte Haltung mit gesenktem Kopf, um das Gesicht vor dem Wetter zu schützen und die Straße sicher zu erkunden. Auch hier in der Galerie richtet sich der Blick auf die Werke der Künstlerin nun abwärts auf schwarz-weiß strukturierte Flächen und konzentriert sich auf etwas uns oft nicht bemerkenswert Erscheinendes, aber so Entscheidenderes: die Erde, auf der wir stehen und die Spuren, die wir darin lesen.

In den Bildern Teresa Wojciechowskas begegnen uns seltsam vorzeitlich und urtümlich anmutende Landschaften, die allmählich bekannte Signaturen gewinnen: Schnee auf Hügeln, dicht geschichtet in Windrichtung, an den Südhängen geschmolzen; darunter Placken schweren Bodens, darüber ein blasser Himmel und in seiner Höhe ziehende Krähen, oder die schroffe Staffelung von Firn und Fels im Gebirge, oder die Schlieren von Eis und Asche an einem Kraterhang, oder ein sandig-flaches Ufer mit glazial geschliffenen Kieseln in kleinen Wellen oder ein Winterwald, wie ihn Franz Kafka sah: „Denn wir sind wie Baumstämme im Schnee. Scheinbar liegen sie glatt auf, und mit kleinem Anstoß sollte man sie wegschieben können. Nein, das kann man nicht, denn sie sind fest mit dem Boden verbunden. Aber sieh, sogar das ist nur scheinbar."

Das Gleichnis von den Bäumen, ragend noch lebendig oder liegend schon geschlagen, im Frost erstarrt, vorübergehend oder endgültig, lässt uns nachdenken über Verwurzelung und Lösung, Bindung und Freiheit, aber auch über Wirklichkeit und Schein - Betrachtungen, die bei einem Spaziergang im Januar von außen nach innen in unsere Winterseele gleiten können.
Wenn wir dann innehalten und aufblicken, sehen wir vielleicht diesen Weg zum Horizont zwischen schwindendem Schnee und aufbrechendem Acker, dessen mit Wasser gefüllte Furchen im täglich steigenden Licht glänzen.
Die Künstlerin, die wir in anderen Ausstellungen als eine Meisterin der Farbe bewundert haben, hat sich für dieses Sujet auf eine strenge Disziplin eingelassen und ihre Palette auf Schwarz und Weiß reduziert, die den in der dunklen Jahreszeit eingeschränkten natürlichen Phänomenen und der ihnen geltenden Wahrnehmung entspricht. Manchmal versuchte sie die Notwendigkeit von Grautönen, wärmer und kühler abgestuft, doch schon nach kurzer Zeit kehrte sie zurück zu dem Alles oder Nichts der Farben und zur Härte der existentiellen Fragen, die die Kälte in Einsamkeit und Fremdheit für sie aufwirft.-
Auch die konsequente Abstraktion ihrer Malerei vermeidet die Ablenkung durch sinnliche Qualitäten, die sich etwa in der Darstellung des Schnees als pudrig Glitzernder, als gefroren Spiegelnder, als ein schmiegsam Sanfter und doch so Gefährlicher geboten hätte. Von diesen Eigenschaften sieht und zieht die Künstlerin ab, hin auf die philosophisch rigorose Faszination des Weißen und Schwarzen.
Einen Einblick in die Entstehung ihrer Gemälde gibt uns ein Film, den Sie gleich in der oberen Etage anschauen können und der Sequenzen der Reisen der Künstlerin zeigt: Bahnhöfe, Schienen, Wälder, Hügel und Ebenen und einen Strand mit der leichten Dünung des Meeres, der leise um runde Steine plätschernden Brandung und mit den sich im Vor- und Rücklauf des Wassers bildenden Wirbel und Strudel.
Doch bevor wir - zunächst im Geiste - die Fortsetzung der Ausstellung betreten, lassen Sie uns die vielen Durchblicke genießen, die sich durch die Gliederung der Räume und die raffiniert inszenierte Hängung ergeben, und die hier, - vorerst, - in der Aussicht auf einen Fluss münden, dessen von milchigen Wellen gesäumte Finsternis in eine andere Welt gleitet, über der ein Firmament ohne Sterne die Nacht besiegelt - vorerst - um am Ende unserer Wanderung in einer lichten Vision aufzugehen.
Wenn wir gleich die Treppe erstiegen haben, erwartet uns das Wintertagebuch der Künstlerin, dessen kleine Formate horizontale Ausschnitte unseres Sehens aufreihen, wie die vorüber huschenden Panoramen aus den Fenstern eines fahrenden Zuges. Die aneinander gelegten Quadrate und schmalen Querformate, die an Negativstreifen erinnern, notieren flüchtige Begegnungen mit weiß-schwarzen Momenten und verfolgen in lockeren Kompositionen die sich daraus entfaltenden Assoziationen.
Teresa Wojciechowska erzählt zum Beispiel, dass sie in schwierigen Situationen gern einige Stückchen Leinwand ausbreite und rasch ein paar Vögel entwerfe, und man möchte meinen, dass deren Flügel sie dann durch die Inspirationen zur Gestaltung tragen, während wir ihrem, der Künstlerin Pfad nachfolgen.
Im Gewirr der kahlen Äste und Zweige, die im Morgendunst von Rauhreif überdeckt sind, sinnen wir darüber nach, dass der Winter nach dem Vergehen des Herbstes eine Phase des Verharrens ist, in deren Stille sich schon ein neues Werden vorbereitet und der vermeintliche Tod der Natur nur ihre neue Geburt verdeckt und schützt.
Ebenso wie sich die Jahrszeiten unaufhaltsam zyklisch bewegen, sind wir auf einer stetigen Reise begriffen, von einem Ort zum anderen und auch vom Einst übers Jetzt aufs Bald, durch räumliche und zeitliche Veränderungen, die zugleich eine Verwandlung unseres Daseins und Seins bewirken.
Symbolisch für diese Prozesse hat die Künstlerin die Metamorphose eines Schmetterlings auf den Menschen übertragen und die Phasen des Ringens um eine angemessene Gestalt dargestellt, die Anstrengung, das zu werden, was man ist oder sein kann, in der auch das Schwanken zwischen der Befreiung aus der Enge und der Geborgenheit darin spürbar wird.
In den Gedichten von Wilhelm Müller, die Franz Schubert in der Winterreise in so eindringliche Musik fasste, findet sich eine dazu eine vielsagende Passage „ Fremd bin ich eingezogen, Fremd zieh' ich wieder aus. [...] Nun ist die Welt so trübe, Der Weg gehüllt in Schnee. Ich kann zu meiner Reisen Nicht wählen mit der Zeit, Muß selbst den Weg mir weisen In dieser Dunkelheit."
Dieses Thema setzt sich fort in der großen Installation im hinteren Raum, der uns mit einem Labyrinth aus schwarzen Säulen empfängt, durch die wir uns einem mystischen Geschehen nähern, das in Bewegung und Klang aus der Vorstellungskraft und aus den Händen Teresa Wojciechowskas suggestive Dimensionen ausstrahlt.
Ist es die Insel der Toten oder das Gestade der Lebendigen, an dessen Küste der Kahn gelandet ist? Sind es Kafkas Baumstämme oder die Relikte anderer Boote, die dort ruhen, weil sie nicht in die gleiche Strömung zurück gelangten? Die Wanderstäbe mit ihren Emblemen sind beiseite gestellt, sie warten auf einen Aufbruch zu neuen Ufern, der sich schon vollzieht: Eine Frau, weiß gekleidet und geschmückt, schläft und träumt, Schleier lösen sich aus ihrem Gewand, enthüllen und verhüllen und erheben sie zu einem Tanz ihres zukünftigen Lebens, das ohne nähere Bestimmung voller Harmonie zu sein scheint.
Ich wünsche Ihnen viele schöne Erlebnisse in dieser Ausstellung Teresa Wojciechowskas, die unsere Sinne und die Gedanken auf Reisen schickt.
©Dr. Jutta Höfel
Skizzenserie - "Winterreise"
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